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Noch ´ne Reform!


An einem denkwürdigen Tag X setzten sich zwölf Menschen - Fachleute und Experten - zusammen und beschlossen, das Notensystem zu reformieren. Nach vielen Jahren, geheimen Treffen, Diskussionen und Kompromissen einigten sie sich auf ganz wenige, vereinfachende Vorschläge.

Dabei gingen sie von folgenden Überlegungen aus: Das Notensystem besteht aus zwölf Noten, also steht auch jeder Note eine eigene Reihe zu! Und die Notenhälse, die teils links, teils rechts der Note nach unten oder oben ragen, verwirren nur. Also sollten sie ab sofort nur noch rechts an den Noten sitzen und nach oben zeigen.

Über diese geringen aber effektiven Vereinfachungen waren "Die Zwölf", wie sie sich fortan nannten", hellauf begeistert. Das mußten sie feiern. Bei Champagner, Bier und Häppchen gratulierten sie sich gegenseitig zu dieser bahnbrechenden Reform. Seit Hunderten von Jahren war das Notensystem immer dasselbe gewesen, da mußte doch nun wirklich etwas geschehen, bevor es vollends veraltete.

Völlig euphorisch stellten "Die Zwölf" ihre einfache, logische und moderne Reform den sechzehn Kultusministern vor und siehe da, der Funke sprang über. Auch die Kultusminister waren begeistert. Zwar konnten vier kaum Noten lesen, konnten drei sich nur vage an sie erinnern, und war es den restlichen neun völlig egal, was mit den Noten geschah, doch waren sie sich einig: eine Notenreform war überfällig. Und sie, die Kultusminister würden es sein, die eine moderne Notenreform auf den Weg brächten.

So stimmten sie alle erfreut und begeistert zu. An der anschließenden Feier mit Champagner, Bier und Häppchen konnten nicht alle Kultusminister teilnehmen, da einige von ihnen schnell nach Hause mußten, um Anleitungen zur Umsetzung der Notenreform zu Papier zu bringen. Denn natürlich mußte die Reform in den Schulen starten - auf andere Bereiche hatten die Kultusminister zu ihrem großen Kummer ja keinen Zugriff.

Schnell faßten die deshalb einen Beschluß, der umgehend in allen Schulen landete. Alle Noten sollten ab sofort nur noch nach der Notenreform geschrieben und gespielt werden. Die Musiklehrer mußten jetzt schnell in Kursen in die neue Notenschreibung eingewiesen werden. Die Verlage sollten sich nach und nach umstellen.

Ganz moderne Orchester, meist von gänzlich unbekannten und unterbezahlten - dafür aber sehr modernen - Dirigenten geleitet, nahmen sich der Reform an und setzten sie sofort um. Dafür wurden sie in der Presse sehr gelobt und die unbekannten Dirigenten waren sehr stolz, denn sie standen nun des öfteren in der Zeitung. Auf ihre Unterbezahlung hatte das leider keine Auswirkung.

Allerdings gab es da noch einige ewiggestrige Dirigenten und Solisten, wie z.B.: Claudio Abbado, Simon Rattle, Kurt Mazur, Anne Sophie Mutter oder Cecilia Bartoli, die sich entsetzt - und auch noch öffentlich - über die Zerstörung eines seit Hunderten von Jahren existierenden und bewährten, einheitlichen Systems beklagten. Sie wurden milde belächelt und in entsprechenden Kommentaren als völlig unmodern, lernunwillig und etwas verstaubt geoutet. Natürlich könne man verstehen, schrieb süffisant der Musikkritiker einer bekannten Tageszeitung, daß die Herrschaften in ihrem Alter nicht mehr umlernen wollten.

In den Orchestern wurden ungeachtet der Proteste die alten Noten gegen neue ausgetauscht. Natürlich kostete das sehr viel Geld, darüber las man aber nichts in den Zeitungen. Vielfach mußten die Musiker die neuen Noten aus eigener Tasche bezahlen, auch darüber las man nichts.

Nun stellten sich aber leider einige Merkwürdigkeiten ein. Die Musiker bemerkten, daß ein schnelles Identifizieren der einzelnen Noten bei so vielen Reihen nicht mehr möglich war. Auch erwiesen sich die nach rechts oben ragenden Notenhälse als eher verwirrend. So kam es immer häufiger vor, daß der eine oder andere sich in der Reihe vertat und den nächsthöheren oder einen tieferen Ton spielte. Das gab vielen Musikstücken eine ganz neue Klangqualität, die den meisten Zuhörern etwas spanisch vorkam.

"Die Zwölf" belastete das nicht weiter. Sie wiesen Kritiker immer wieder auf den Übergangscharakter hin. Alles werde besser, so beruhigten sie die Zweifler, je mehr Kinder in der Schule nach dem neuen Notensystem lernten. Auf die Frage aber, warum dies nun alles notwendig gewesen sei, blieben sie bis heute eine Antwort schuldig.

Sie glauben, das gibt es nicht? Sie irren - das passiert gerade mit unserer Rechtschreibung!

© Claudia Ludwig, Mai 2002
www.claudia-ludwig.de


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